Trends

„Wir müssen Produkte für Menschen finden, nicht Menschen für Produkte“.

Das ist die Kernaussage des Handels im Herbst 2009. Gibt es in Zukunft noch stationären Handel angesichts zweistelliger Zuwachsraten im online Handel? klare Antwort: ja!

The Net generation
Ibrahim Ibrahim, Geschäftsführer von Portland Design, setzt sich mit der Generation der zwischen 1982 und 2000 Geborenen auseinander, die zu 80% Internetzugang haben und bislang ein Drittel (!) ihres Lebens online waren. Nie hat eine Generation die Freiheit und die Wahl, das tun zu können, was sie will, höher bewertet. Individualisierung, Personalisierung, Transparenz und Offenheit sind die Erwartungen dieser Personen an die Gemeinschaft. Diese Generation hinterfragt, prüft genau, kommuniziert, erwartet ständig Neues und das sehr schnell.  Im Netz kann man allein oder in social networks eingebunden sein, reden, schweigen, lernen, finden, kaufen und das alles gleichzeitig. Das zur Verfügung stehende Potential an Wissen ist gigantisch, ja unerschöpflich.

Diese Generation wird Läden wollen, die den virtuellen Welten nicht nachstehen in Informations- und Kommunikationsqualität, in überraschenden und inspirierenden Elementen, in Innovation und Coolness, in Service und individueller Betreuung, in jederzeitiger Erreichbarkeit. Läden, die einzigar-tige Orte der Begegnung sind und die Internetwelten wiederspiegeln. Der Concept Store 4010 der Telekom in Berlin ist ein Beispiel für diese neuen Stores der Erlebniswelten, die Shop, Galerie und Eventlocation zugleich sind.

Commerce, Culture, Community
Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Integration – das ist, was Menschen suchen, sei es in der Religion, in der Alltagskultur, beim Reisen oder bei Marken. Die Sehnsucht der Menschen nach dem Unver-fälschten, dem Artgerechten, dem Echten und Ehrlichen wächst. Beispiel dafür ist die Earthkeaper-community von Timberland, die den Point of Contact darstellt. Der PoS ist gleichsam der Ort der Transaktion, wo vollzogen wird, was längst in der community gesehen und gedacht wurde (siehe auch im Beitrag zur Nachhaltigkeit das Portrait über Timberland). Schlechte Zeitgeistkopien und künstliche Lifstylekonzepte werden erkannt und abgelehnt. Die vielbeschworene „Kunst der Insze-nierung“ ist eben doch eine Disziplin, die man beherrschen muß. Nur wenn echte, tiefe Gefühle erweckt werden, lässt sich der Konsument bereitwillig verführen.

Retail Theatre
Von „Pilgerstätten der Frische“ spricht Prof. Joachim Zentes von der Uni Saarbrücken. Einkaufen und Geniessen ist eins. Das bietet der online-Handel nicht. Besonders der Lebensmittelhandel hat vielbeachtete Konzepte hervorgebracht. Die Wholefoods Markets in USA, Aqui è in Spanien oder Zurheide in Nordrhein-Westfalen bieten in ihren Lebensmittelmärkten ein überbordendes Angebot an Frische, Erlebnis, Information und Auswahl.

Magic Moments
Begeisternde Konzepte zeigte Christoph Bründl, Geschäftsführer der Bründl Gruppe, Sportfachhan-del aus Österreich. An verschieden Standorten mit starker touristischer Frequenz wurden Einkaufs-plätze geschaffen, die wegweisend sind. Die Firmenphilosophie fasst Bründl in vier Stichpunkten zusammen: 1. Frequenz schaffen 2. Bestes Shoppingerlebnis bieten  3. Magic Moments kreieren und 4. Loyalität und Kundentreue belohnen. „Familienunternehmen denken in Generationen“, sagt Bründl. Investiert wurde an verschieden Standorten in spektakuläre Architektur und Store Design. Visual Merchandising und Shop-Aura sind mit die entscheiden Faktoren neben der Sortiments-Kompetenz. Kinos, die Sportfilme in 2- bzw. 3-D zeigen oder mit Skiern befahrbare Verkaufsräume sind Highlights. Als mit Abstand wichtigsten Faktor im Gesamtkonzept hat Bründl aber die Mitar-beiter ausgemacht, die er in einer firmeneigenen Akademie ausbildet.

Tante Emma reloaded
Tante Emma wird nicht wiederkommen, aber die Werte, die Tante Emma verkörpert hat, sehr wohl. Tante Emma war regional, vertraut, hatte ein überschaubares Sortiment, kannte ihre Kunden per-sönlich, offerierte Einzelportionen statt Großpackungen und war Nachrichtenbörse und Kommuni-kationsplattform. Fresh & Easy aus Kalifornien begreift sich als Nachbarmarkt und spendet bei jeder Storeeröffnung an eine lokale Non-profit-Organisation; welche Organisation bedacht wird, bestimmen die Nachbarn, also die zukünftigen Kunden. Ein Weltklasse-Supermarkt mit den Vorzü-gen eines Nachbarschaftsmarktes: damit wirbt The Food Emporium (16 Märkte in Manhattan). Dean & Deluca und Trader Joe’s sind weitere Beispiele aus USA.

Den allein seligmachenden Weg gibt es nicht. „Es wird immer schwieriger, die eigene Zielgruppe zu definieren und zu erreichen“, so Steffen Genth vom HDE. Der demographische Wandel, der Werte-wandel der Verbraucher, Multichanneling und Umweltschutz sind die Herausforderungen der nächsten Jahre an den Handel.